Geschichten zu den Gewinnerbildern

Die Gewinner des Fotowettbewerbs „Oktoberfest“, die in der Jurysitzung prämiert wurden, erzählen der gesamten Community die persönliche Geschichte zu Ihrem „Oktoberfestbild“. Um die Gewinnerbilder im Originalformat zu sehen, klicken Sie bitte auf die Usernamen.


Die Geschichte zum Siegerbild von leicar6:

196212München, September 1963. Unterwegs auf der Wiesn, dem Oktoberfest, dem weltgrößten Volksfest. Mit dabei meine Leica mit mehreren Objektiven, um Momente einzufangen, wie es sie nur hier gibt. So führt mich der Weg zu „Wiesn-Institutionen“ wie dem „Schichtl“ und ich halte das makabre Schauspiel „Der Enthauptung einer lebenden Person auf offener, hell erleuchteter Bühne mittels einer Guillotine“ für immer auf Film fest. So schaue ich natürlich auch beim Vogel-Jakob vorbei, auch bei Schlangenbeschwörern und einer ganzen Reihe von Schaustellern, von denen es heute viele auf der Wiesn nicht mehr gibt. Und dann beobachte ich die Menschen und halte Ausschau nach Motiven.

Beim Kettenkarussell fallen mir diese beiden jungen Leute auf, die sich fröhlich und ausgelassen im Kreis treiben lassen. Sie fassen einander mit den Händen, ziehen sich zueinander und lassen dann wieder mit Schwung und in voller Aktion voneinander los. Der Spaß und das Glücksgefühl, das sie bei dieser rasanten Fahrt empfinden, ist ihnen anzusehen.

Dass die beiden ein ordentliches Bild ergeben könnten, ist mir gleich klar, auch wie ich sie im Bild festhalten möchte: Auf keinen Fall will ich sie mit einer kurzen Belichtungszeit gleichsam „einfrieren“. Tempo und Bewegung und Aktion will ich auf dem Bild herüberbringen und wähle fast automatisch eine relativ lange Belichtungszeit – etwa 1/30 Sekunde – wobei ich beim Auslösen meine Kamera mitziehe, so dass die beiden an mir vorbeifliegenden jungen Leute scharf auf dem Bild erscheinen, der Hintergrund sich jedoch verwischt abbildet. Mehrere Fotos entstehen, ausgewählt habe ich dieses, weil es die ganze Frische und Ungezwungenheit dieser beiden Jugendlichen zeigt. 47 Jahre sind seit der Entstehung des Bildes vergangen. Die beiden jungen Leute befinden sich heute bereits im Rentenalter – C’est la vie.



Die Geschichte zum 2. Gewinnerbild von gustfoto11:

196370Das Oktoberfest war schon immer ein Ereignis, aber in den sechziger Jahren noch kein Millionenrummel mit High Tech  Fahrgeschäften und Promi Logen im Blickfeld der Klatschpresse. Ich war  1962 Studierender der Fotoklasse der Folkwangschule Essen bei Prof Steinert. Als Reportagethema hatte ich das Oktoberfest angemeldet. Bilder bekannter internationaler Fotoreporter von dem großen Volksfest waren Vorbilder und Anreiz, es genau so gut zu machen. Leider hatte ich mir in den Semesterferien beim Jobben das linke Handgelenk gebrochen. Bei der damaligen Fototechnik: Leica mit Entfernungsmesser, aber getrennter Belichtungsmesser,  eine fast unüberwindbare Behinderung bei einer Reportage. Das Filmmaterial war damals noch nicht so lichtempfindlich wie heute. Ohne Blitz konnte man nur am Tage seine Schnappschüsse machen. Drei Tage, jeden Nachmittag bis zur Dämmerung, habe ich die kleinen Leute beobachtet und abgelichtet. Oft war ich aber mit einer Hand zu langsam. Deshalb habe ich geduldig an Fahrgeschäften auf besondere Situationen gewartet. Die Kinder von damals, fein gemacht wie die Großen, stolz im Straßenkreuzermodell, langsam aber fröhlich im Karussell rollend: Die Traumwelt der Kinder aus den Sechzigern. Was unsere kleinen Darsteller wohl in den politisch bewegten Jahren um 1968 gemacht haben?


Die Geschichte zum 3. Siegermotiv von HRath:

191467Die kleine Agfa Silette mit der dieses Foto aufgenommen wurde  war meine erste Kamera. Ich war damals im zweiten Jahr Beamtenanwärter  und verdiente ca. 55,- DM im Monat. Die Kamera kostete 199,- DM, ich musste also eine ganze Weile sparen. Zum Geburtstag bekam ich dann noch Geldgeschenke von meinen Eltern, Onkel und Tanten, so dass ich mir auch gleich zwei Diafilme, die damals pro Film 10,- DM gekostet haben, leisten konnte. Glücklich bin ich  losgezogen um auf  der Wiesn 1958 etwas von der Stimmung einzufangen.  Besonders fasziniert hat mich das Licht und Farbenspiel im großen Bierzelt.

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