Wochenend-Idyll

Alltag – Einsamkeit nicht gefragt

Endlich Pfingsten und uns steht wieder eines dieser wunderbaren verlängerten Wochenenden bevor. Sicher haben Sie schon geplant, was Sie an den freien Tagen unternehmen wollen. Vielleicht einen Kurztrip nach Italien, sportliche Aktivitäten in der Natur oder Sie wollen einfach nichts tun und nur in Ruhe ausspannen. Einen Trend, was die Deutschen an ihren freien Tagen am liebsten machen, gibt es nicht. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Ausgleich und Erholung. 1959 sah das ganz anders aus. Wichtig für die Erholung Suchenden war nicht die Aktivität oder der Ort selbst, sondern dass dort viele Menschen zusammen kamen. Um so voller das Ausflugsziel, um so beliebter war es. Schauen Sie in unser Fundstück aus der Münchner Illustrierten Nr. 22 vom 30. Mai 1959, vielleicht finden Sie eine Anregung für Ihr verlängertes Wochenende oder schmunzeln Sie mit uns bei „Genuß am Rande“ über eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung. 




Ausflug ins Getümmel. An Sonn- und Feiertagen verwandeln sich die Ufer des Königssees in eines der verkehrsreichsten Gebiete Europas. Auf den Parkplätzen ist kein Platz mehr zu finden, Autobusse bringen Heere von Pauschalreisenden heran,…

…Gaststätten und Andenkenläden florieren, am Ufer drängt sich Kopf an Kopf, und auf dem See geben Männer und Frauen in Tracht den Fremden einen Schnellunterricht in Romantik. Ob in Bayern, am Rhein, an der See – die meisten deutschen Touristen konzentrieren sich auf wenige natürlich überfüllte Punkte. Oft nur ein paar hundert Meter weiter ließe sich die Natur noch in wirklicher Einsamkeit genießen. Aber diese Erholung in der Einsamkeit ist offensichtlich nicht gefragt.
Der größte Heerwurm zieht nach Süden. Am Wochenende schnell mal nach Italien zu fahren gehört für viele zu den Selbstverständlichkeiten. Allein zu Pfingsten betrug die Zahl der deutschen Italienfahrer fast eine Viertelmillion. In geschlossener Formation rollten die Wagen über die Grenze am Brenner. Aber während noch vor wenigen Jahren die Autos manchmal kilometerweise Schlange standen, dauert jetzt die Abfertigung durch die italienischen Grenzbeamten Sekunden.
Genuß am Rande. Am Sonntagabend bietet sich den Menschen, die in den stillgewordenen Städten daheim geblieben waren, ein Genuß besonderer Art. Sie sitzen oder stehen an den großen Einfallstraßen und betrachten das Schauspiel der in die Stadt zurückflutenden Fahrzeuge. So nehmen auch sie noch (aus der Perspektive des Publikums) am Massenauftrieb der Motortouristen teil. Eintretende Verkehrsstockungen sind für sie als Unbeteiligte die Würze in diesem Schaugericht unserer Zeit.
Die alte Bierseligkeit wird langsam modernisiert. Ein Massenbetrieb ganz anderer Art herrscht in den immer seltener werdenden ländlichen Biergärten, die noch an die gute alte Zeit erinnern. Nach Haag zum Beispiel, einem kleinen Ort nordöstlich Münchens, kommen nur Gäste aus der nächsten Umgebung. Zu vielen Hunderten sitzen sie dort an warmen Sonntagen unter großen Bäumen, ein Bild der Gemütlichkeit ohne Hast und Komfort. Wer etwas verzehren will, muß es sich selbst holen: Aufschnitt, Käse, Leberkäs und Brot. Allerding machen selbst in dieser ländlichen Idylle moderne Erfrischungsgetränke und Eis am Steckerl dem gefüllten Maßkrug bereits Konkurrenz, …
… und eine ohrenbetäubendeKapelle spielt zwischen Volksmusik und alten Märschen das Neueste vom Rock’n’Roll. Wie sehr das Zeitalter der Motorisierung auf das Land übergegriffen hat, zeigt sich in den Dorfstraßen. Da stehen, neben Bauernhäusern und Misthaufen, Autos und Motorräder aller Marken. Ihre Besitzer stammen aus den umliegenden Ortschaften, in denen es natürlich auch Biergärten gibt, wo sie sitzen könnten. Trotzdem kommen sie, zum Teil nicht nur wegen der schönen Lage, nach Haag: Die Freude daran, zu einem Fleck zu fahren, an dem sie viele Menschen treffen, läßt sie nicht daheim bleiben. Denn auch auf dem Land ist Einsamkeit nicht gefragt.

© Münchner Illustrierte 1959 Fotos: Betzler, Strobel 


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