Westberlin, Ostberlin

Alltag: Geteiltes Deutschland

Berlin, 1964Berlin 1957: Über zehn Jahre nach Kriegsende wurde noch versucht, die bürokratischen Hindernisse beim Überschreiten der Grenze zwischen West- und Ostberlin so gering wie möglich zu halten. Der wirtschaftliche Aufschwung hielt in beiden Teilen der deutschen Hauptstadt Einzug. Doch sagte jede Neuerung bereits die Spaltung der Stadt voraus: Entwickelt wurden zwei Telefonsysteme, nicht eins, ebenso wie zwei Postverwaltungen, zwei Verkehrsgesellschaften und zwei Währungssysteme. Selbst in der heutigen Zeit, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, sind die Unterschiede zwischen West und Ost immer noch deutlich spürbar. Wie es in Berlin kurz vor dem Mauerbau aussah, zeigt unser Fundstück aus der Münchner Illustrierten Nr. 8 vom 23.02.1957 anhand von Bildern des Fotografen Kurt Schraudenbach.

 

Hauptstadt mit Grenzübergang

 

Überschrift

 

Grenzkontrolle„Alles in Ordnung?“ fragt uns der Schupo auf der West-Seite des Brandenburger Tores. Er fragt das jeden, der von Berlin, der östlichen Hauptstadt Deutschlands, nach Berlin, der westlichen Hauptstadt Deutschlands, fährt. Wir antworten: „Ja!“, denn für ihn ist alles in Ordnung, solange wir weder „Handelsware“ noch „Propagandamaterial“ mit uns führen. Ein paar freundliche Beamte auf beiden Seiten sind übrigens die einzig sichtbaren Wächter am Berliner Vorhang. Auch der Vopo fragt uns aus dem gleichen Grund wie sein westlicher Kollege nur der Form halber: „Alles klar?“ Man kann die Grenze überschreiten, als gäbe es sie nicht. 
Bürgermeister_West Bürgermeister_Ost
Zweimal Bürgermeister: „Berlin als Hauptstadt ist kein Verhandlungsgegenstand, sondern ein Gegenstand des Handelns!“ erklärt und Westberlins Regierender Bürgermeister Dr. Otto Suhr. Er fordert Baustop in Bonn und Baubeginn in Berlin. Ost-Oberbürgermeister Friedrich Ebert hüllt sich in Schweigen. Wir hatten ihn um einen Kommentar zum Thema: Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik, gebeten. Er meinte, in kurzen Worten dazu nicht Stellung nehmen zu können. Und das, obwohl – oder weil – für seine Regierung Berlin offiziell „die Hauptstadt Deutschlands“ ist.
Geld_West Geld_Ost
Zweimal D-Mark: Das Währungsproblem – durch zwei verschiedene „Reformen“ entstanden – scheint mir das folgenschwerste und verwirrendste Symbol der Spaltung zu sein. Auf diesem Gebiet ist nahezu alles verboten – oder mindestens nicht erlaubt. Zwar gibt es im Westen Wechselstuben, die unbegrenzte D-Mark-Beträge zum Kurs von etwa 1:4 umtauschen – doch darf man damit von Amts wegen nichts kaufen. Ein Ost-Umtausch von 1:1 dagegen gilt im Westen als „Irrsinn“ oder „Verrat“.
Bahn_West Bahn_Ost
Zweimal Hauptstrasse: Zwei Verwaltungen betreiben Berlins einheitliche U-Bahn. Ich fuhr mit ihr zu den zwei Straßen – dem Kurfürstendamm und der Stalinallee -, die beide den Anspruch erheben, Herz unserer Hauptstadt zu sein. „Berlin fehlt weiter nichts als Deutschland!“ sagte mir ein U-Bahn-Passagier. Es ist die Hoffnung aller Berliner, daß ihre Stadt vom unbegreiflichen Symbol der Spaltung endlich wieder zum greifbaren Symbol der heißersehnten deutschen Einheit wird.
Bär_West Bär_Ost
Zweimal Berliner Bär: Der wohlgenährte Bonzo (West) weiß nichts von der Sektorengrenze – und nichts von seinem in Ostberlin heranwachsenden Ebenbild: Im Rahmen eines Zehnjahr-Programms soll in Karlshorst Deutschlands weitaus größter Tierpark entstehen. Es fiel mir auf, daß auf dem zoologischen Sektor Frieden herrscht: Hier tauscht und kauft man ohne Ansehen des Parteibuches. Und selbst der Westmensch darf im Ostzoo mit Ostmark zahlen – während der Westzoo dem Ostmenschen Eintritt zum „grauen“ Kurs von 2 Mark-Ost statt 1 Mark-West gewährt.
Uni_West Uni_Ost
Zweimal Universität: „Die Philosophen habe die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern!“ verkündet ein Goldbuchstabenzitat von Karl Marx in (Ost-)Berlins Humboldt-Universität, wo vorzugsweise die Söhne und Töchter von Arbeitern und Bauern auf die Führung der Massen im kommunistischen Staat vorbereitet werden. An der neugegründeten freien West-Universität studieren nicht nur „Westler“. Auch Ost-Studenten finden dort ein Bildungsasyl.
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Zweimal Oper: Hier soll – wie überall, wo man „Kultur“ verkauft – der Mensch aus Ost und West vergessen, wo Ost ist und wo West. Dementsprechend unterscheidet sich das Publikum in beiden Opern äußerlich durch nichts, und auf dem Parkplatz der (Ost-)Staatsoper Unter den Linden zählte ich viermal soviel West- wie Ost-Autos. Die Neuinszenierung von Borodins „Fürst Igor“ war wie üblich ausverkauft. Der griechische Olymp, wie er sich den Besuchern der West-Inszenierung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ darbietet, zieht nicht ganz soviel Gäste an.


© Münchner Illustrierte 1957 Fotos: Kurt Schraudenbach


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