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Italien steht Kopf

KULTUR – Ein Fernsehquiz verĂ€ndert das Land

Mindestens 6 Millionen Zuschauer schalten montags und freitags den Fernseher ein, um Wer wird MillionĂ€r zu sehen. Viele sitzen dabei gemĂŒtlich auf der Couch, trinken etwas Leckeres und essen Schokolade, Weingummi oder Chips. Sie sehen durchaus realistische Chancen, selbst einmal auf dem Stuhl zu sitzen und es besser zu machen als der aktuelle Kandidat, oder schweifen ab zu frĂŒheren Quizsendungen, wie Jeopardy! oder Der Große Preis. Ein gemĂŒtlicher Quizabend, der so ganz anders ist, als es die Italiener 1956 erlebt haben. Wie Italien jeden Donnerstag von Kopf bis Fuß in „popularisierten Wahnsinn“ verfĂ€llt, sehen Sie in unserem heutigen FundstĂŒck aus der MĂŒnchner Illustrierten Nr. 40 vom 06.Oktober 1956.

 

„Stunde der nationalen Paralyse“

 
 
Kleines Drama, ganz groß: Silvia ist Studentin. In Rom besitzt sie einen Kiosk, mit dem sie ihr Studium finanziert. Sie hatte sich drei Monate lang auf die Sendung vorbereitet. Aber schon bei der ersten Etappe, als es um nur 200 000 Lire ging, versagte sie. Woher sollte sie auch wissen, wer das Drehbuch eines uralten Buster-Keaton-Films geschrieben hatte? Hemmungslos weinte sie los, und ganz Ialien fand das ebenfalls zum Heulen.
 
PopulĂ€rster Mann Italiens ist der Italoamerikaner Mike Buongiorno, der das Fernseh-Quiz mit souverĂ€ner Ruhe und mit Charme leitet. Er versteht es meisterhaft, die Kandidaten amĂŒsant ĂŒber ihr Privatleben und ihre SchwĂ€chen auszuhorchen. Auf Mikes wohlwattierten Schultern ruht große Verantwortung. Er ist unersetzlich, und nur schaudernd denken die Italiener an die schreckliche Möglichkeit, er könne einmal krank werden.
Da liegt die Heilige Kuh begraben… Unser erster Kandidat mußte zunĂ€chst nach diesem Totenkopf die Stammeszugehörigkeit definieren. Dann wurde er nach dem Unterschied zwischen Daiaki- und Bisciari-Negern gefragt (Antwort: „Die Daiaki begraben ihre Heilige Kuh“). Jetzt mußte er notgedrungen aufhören, weil seinen im Studio anwesenden GlĂ€ubigern die Teilsumme in der Hand lieber war als die 5,12 Millionen Lire (37 000 Mark) auf dem Dach.
„Etwas oder nichts“, so lautete die Devise fĂŒr die italienischen Filmtheater, die der Konkurrenz durch das Fernseh-Quiz zunĂ€chst machtlos gegenĂŒberstanden. Jetzt unterbrechen sie jeden Donnerstag ihr Abendprogramm und ĂŒbertragen „Alles oder nichts“, von dem ein ganzes Volk trĂ€umt. Und fĂŒr fĂŒnf viertel Stunden ist Italien zu einem nationalen Narrenhaus geworden.
Die schlaue „Miß Überfluß“: Maria Luisa Ganoppo ist TabakverkĂ€uferin in der Provinz. Wegen ihrer ausgeprĂ€gten weiblichen Reize protestierten die FrauenverbĂ€nde gegen ihr Auftreten. Aber unaufhaltsam schob sich Maria mit ihrer enormen Kenntnis des griechischen Dramas von Etappe zu Etappe. Am letzten Donnerstag schließlich gewann sie die 5,12 Millionen Lire.
Im Nebenraum einer Kirche an der Piazza Bologna in Rom freut man sich, daß es nun endlich losgeht. Das Quiz besteht erst seit einem halben Jahr, hat aber bereits jetzt eine PopularitĂ€t erlangt, mit der sich nicht vergleichen lĂ€ĂŸt. Viele Geistliche haben ihre GotteshĂ€user zur VerfĂŒgung gestellt und der Kirche dadurch ein Mitspracherecht bei dieser Sendung erkauft. Donnerstag, 21 Uhr: in den Bars und Trattorias Italiens gibt es keinen freien Platz mehr – und keine GetrĂ€nke. Denn die Kellner starren genauso gebannt auf den Schirm wie ihr Publikum. Wenn die Stunde schlĂ€gt: Donnerstag, wenige Sekunden vor 21 Uhr, im Fernsehstudio in Mailand. Schwitzend steht der Kandidat in der Glaskabine und wartet auf das Startzeichen zum Quiz „Lascia o raddoppia“. Schon vor Monaten hatte er sich angemeldet. Aber wöchentlich gehen mehrere Tausend Bewerbungen im MailĂ€nder Studio ein. Unser Kandidat bestand die zwei VorprĂŒfungen, durch die man herausfinden will, ob der Bewerber auf seinem Spezialgebiet – das nicht sein Beruf sein darf – auch tatsĂ€chlich beschlagen ist. Unser Mann wĂ€hlte „Völkerkunde“.


© MĂŒnchner Illustrierte 1956 Fotos: K. Schraudenbach


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