Moskau

Kultur: Reise nach Moskau

ThumbnailAls erster Fotoreporter der Bundesrepublik war Hannes Betzler 1955 in Moskau. Er begleitete die Krefelder Eishockeymannschaft zu ihren Rückspielen gegen Dynamo Moskau. Während seines Aufenthaltes dort interessierte er sich nicht für politische Debatten, bewusst war auch seine Kamera „unpolitisch“. Er wollte in Moskau nur das Leben fotografieren, wie er es sah. Seine Eindrücke von dieser Reise sehen Sie in unserem Fundstück von Hannes Betzler aus der Münchner Illustrierten Nr. 8 vom 19. Februar 1955.

Städtereise der besonderen Art Überschrift1

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Man zeigte mir die Sehenswürdigkeiten: die berühmte Wassili-Blashennij-Kathedrale, den Kreml, das Bolshoi-Theater und vieles andere. Und doch hatte ich das Gefühl, daß ich nur eine Seite der Stadt gesehen habe, die günstigste.
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Magnet für Ausländer: Das Ballett. Es genießt bekanntlich Weltruf, also ging ich hin – ins Bolshoi-Theater, ins „Große Theater“. Die Aufführung, „Don Quichotte“, war zauberhaft, das Bühnenbild großartig. Ich saß in iner Seitenloge, auf einem 32-Rubel-Platz. Die Vorstellung dauerte vier Stunden. In den Pausen nimmt man richtige Mahlzeiten ein; viele Zuschauer brachten ihr Essen mit und kauften sich dazu Bier. Beklemmend war ein süßlicher Geruch nach Machorka und billigem Veilchenparfüm.
Die Wiege der sowjetischen Intelligenz: die große Moskauer Universität, zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. 21 000 Studenten sind an der Uni eingeschrieben, 14 000 wohnen in dem riesigen Komplex. Expreß-Lifts befördern sie in den bis zu 28 Stockwerken hohen Wolkenkratzern. Für ein Zimmer zahlen die Studenten 22 Rubel monatlich. 97 Prozent studieren auf Staatskosten. Im ersten Semester erhalten sie pro Monat 300 Rubel. Zum Vergleich: ein Arbeiter verdient etwa 600 Rubel.
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Ich photographierte im Zentrum Moskaus, im Zentrum der Sowjetunion: auf dem weltberühmten „Roten Platz“. Zu meiner linken Seite erstreckt sich weithin die lange Flucht des großen Kaufhauses „Gum“. Früher waren in dem Gebäude vermutlich die Bediensteten der Zaren untergebracht, heute können in ihm die Russen kaufen, was das Herz begehrt, falls sie genügend Geld haben. das Geschäft ist bis Mitternacht geöffnet.
Vor der Wassili-Blashennij-Kathedrale mit ihren Zwiebeltürmchen, liegt das Mausoleum, in dem die sterblichen Überreste Lenins und Stalins ruhen. Auch ich besichtigte das Grabmal, in dem man leider nicht photographieren darf. Lenin und Stalin liegen in Glassärgen, an die man bis auf einen Meter herantreten kann. Rechts im Bild sieht man die Kremlmauer und einen der Türme mit riesigem Sowjetstern an der Spitze. Hinter der düsteren Mauer liegen das Kremlmuseum und die Regierungsgebäude.
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Moskau von heute. Weithin sichtbar ragt das am Moskwa-Ufer im Sowjetstil erbaute Lenin-Appartmenthaus in den Himmel. In der Stadt gibt es fünf oder sechs solcher Wolkenkratzer, so daß man vom Flugzeug aus schlecht unterscheiden kann, ob es sich um Molotows Außenministerium, die Universität oder nur um ein Appartmenthaus handelt.
Moskau von gestern. Die Uspenski-sobor-Kathedrale ist heute Museum; die Ikonen wurden restauriert, alles funkelt und glänzt – ein Prunkstück Moskaus. Unschätzbar sind die Werte in den Schatzkammern des Kreml-Museums: Zarenkronen, goldene Staats-schlitten, Geschenke der Augsburger Fugger und Napoleons Tafelporzellan.

© Münchner Illustrierte 1955 Fotos: Hannes Betzler


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