Fundstück Berlin

Politik: Geteiltes Berlin

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Im Jahr 1956 stellten sich Reporter der Münchener Illustrierten die Frage, wie lange Berlin noch geteilt bleiben wird. Elf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, drei Jahre nach Stalins Tod, war Berlin, die ehemalige Hauptstadt, noch immer ein Reservat des Kalten Krieges. Die Reporter Ernst Laue und Kurt Schraudenbach hofften auf eine Möglichkeit die Spaltung zu überbrücken. Fünf Jahre später sollte sich die Teilung mit dem Bau der Mauer jedoch noch zementieren. Eindrücke aus dem Berlin der 50er Jahre des Fotografen Kurt Schraudenbach zeigt unser Fundstück aus der Münchner Illustrierten Nr. 38 vom 22. September 1956.

Leben in der geteilten Stadt Überschrift

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Der Wiederaufbau macht auf der Insel Westberlin nur äußerst zögernde Fortschritte. Das entmutigend ausgedehnte Ruinenmeer sowie die relative Unsicherheit der politischen Lage lähmen die private Initiative. Neubautätigkeit entfalten vorerst nur Behörden wie der Senat (Bild), Versicherungen und Wirtschaftsverbände. Die berühmten Villenviertel um den Wannsee sehen heute teilweise noch aus, als wäre der Krieg erst gestern zu Ende gegangen. Bombengeschädigte Villen sind in zahlreichen Fällen schon für ein Butterbrot zu haben.
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Westberlins totes Herz: die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Ende des weitgehend wiederaufgebauten Kurfürstendamms. Um die pittoreske Ruine des wilhelminischen Gotteshauses pulsiert ein täglich um sechzig neue Kraftfahrzeuge bereicherter Verkehr. Schon jetzt herrscht Parkraumnot im großzügig angelegten Straßennetz der ehemaligen Reichshauptstadt.
Achtung, hier Zonengranze! Schilder wie dieses begrenzen den eingeengten Horizont des Westberliners. Sie bedeuten für ihn noch immer das Ende der Welt. An sonnigen Tagen drängen sich daher im Durchschnitt 5000 Menschen am Strandbad Wannsee. Tagesrekord: 35000 Gäste.
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Die ältesten Flüchtlinge, Strandgut des zweiten Weltkriegs, haben in die Berliner Schrebergartenkolonie selten mehr als ein Bild der ehemaligen Heimat gerettet – ein Bild, vor dem sie von einer verlorenen Vergangenheit träumen können.
Die jüngsten Flüchtlinge – soeben aus der DDR eingetroffen – warten im Kinderhort, während ihre Eltern das umstrittene Aufnahmeverfahren durchlaufen. Die meisten der täglichen Fünfhundert kommen aus wirtschaftlichen Gründen.
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Das Nachtleben blüht nicht allzu üppig auf Westberlins Ruinen. In Nachtlokalen mit Namen wie „Badewanne“ (Bild) und „Eierschale“ wird zwar getanzt wie einst im Mai, doch kommen die bundesdeutschen und sonstigen Fremden, die sich hier allabendlich treffen, nicht selten zu dem Schluß, daß es in der Weltstadt einst ganz anders zugegangen ist.
Der Tiergarten, die grüne Lunge der ehemaligen Reichshauptstadt, während der Kämpfe verwüstet, wurde von den frierenden Berlinern verheizt und bisher nicht wiederaufgeforstet. Die kahle Wüste dient heute den Drachenfliegern, Westberlins einzigen legalen Luftsportlern, als Übungsgelände.
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Im „demokratischen Sektor“, zu dem der sowjetisch besetzte Teil sich selbst ernannte, wird Rußlands Vorbild nachgeeifert. Die Stalinallee, die auch heute immer noch so heißt, ragt jäh aus einem Ruinenfeld, das noch größer ist, als das von Westberlin. Sie ist das bombastisch-protzige Schaufenster eines Kunst- und Lebensstils, den auch im Osten nur noch die wenigsten als allein-seligmachend empfinden.
Moskau, Washington, Peking, Dehli, ja selbst Leipzig kann man von diesem wie von jedem anderen Westberliner Telephon aus anrufen. Es gibt keine unerreichbaren Fernsprechnummern – ausgenommen die der Ostberliner Nachbarn jenseits der Straße. Seit anläßlich der Blockade die Kabel gekappt wurden, warten die Berliner vergebens auf amtliche Initiative zur Wiederherstellung dieser lebenswichtigen Verbindung. Sie unterbleibt, wie in Berlin wie so vieles: aus rein formalistischen, wenn nicht noch bedenklicheren Gründen.

© Münchner Illustrierte 1956 Fotos: Kurt Schraudenbach
Bilder zum Thema DDR – Grenzrealität finden Sie übrigens in unserer Community auf www.timeline-images.de.

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Ihr Timeline Images Team

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